Die Weihinschrift Santa Cruz

Gallaecia Sueva - Kapelle Santa Cruz in Cangas de Onís Kapelle Santa Cruz in Cangas de Onís

Nach dem Tode Pelayos im Jahre 737 ließen Pelayos Sohn Fafila (Fafeila) und seine Gemahlin Froiliuba eine Kirche an einem alten megalithischen Kultort in Cangas de Onís errichten: La Iglesia de la Santa Cruz.

 

Die Kirche wurde im spanischen Bürgerkrieg (1936) zerstört. Bei der heute für Besucher offenen Capilla Santa Cruz an gleicher Stelle handelt es sich um einen Neubau aus dem Jahre 1950. Am Boden der Kirche befindet sich der Eingang zu einer Höhle. Der Abstieg erfolgt wie in einen Brunnen. In der Höhle unterhalb der Kirche ist der Dolmen Santa Cruz zu sehen. Dort befand sich eine Kapelle und ein Altar.

 

Pelayos Sohn Fafila (Fafeila) und seine Gemahlin Froiliuba ließen die Iglesia de la Santa Cruz der Legende nach zur Aufbewahrung des Eichenkreuzes errichten, mit dem Pelayo in den Kampf gegen die arabischen Besatzer gezogen sein soll. Im Jahre 908 wurde ein vergoldetes und reich verziertes, im Kern hölzernes Kreuz, an die Kathedrale von Oviedo übereignet. Der Legende nach handelt es sich dabei um das Eichenkreuz des Pelayo aus der Iglesia de la Santa Cruz. Das Kreuz wurde zum zentralen identitätsstiftenden Symbol Asturiens. Als goldenes Kreuz auf blauem Grund schmückt es die Flagge Asturiens.

 

Neuere Untersuchungen ergaben jedoch, dass auch der hölzerne Kern des Kreuzes nicht aus der Zeit Pelayos stammt. Die Legende von Pelayos Kreuz, zu dessen Aufbewahrung Pelayos Sohn die Iglesia de la Santa Cruz in Cangas de Onís errichtet haben soll, ist auch heute noch als tatsächliche historische Begebenheit in einigen Geschichtsbüchern und in so manchem Reiseführer nachzulesen. Doch worauf gründet diese Legende? Gibt es historische oder archäologische Anhaltspunkte dafür, dass die Legende einen realen Bezug haben könnte? Als „Beweis“ wird bis heute auf die Weihinschrift der Kirche aus dem 8. Jahrhundert verwiesen.

 

Das Geheimnis der Weihinschrift Santa Cruz

Gallaecia Sueva - Weihinschrift der Iglesia Santa Cruz Zeichnung der Weihinschrift der Iglesia Santa Cruz von Roberto Frassinelli

Auch wenn die Weihinschrift der Iglesia Santa Cruz in Cangas de Onís zum Teil bis heute noch in Zusammenhang gebracht wird mit einem vermeintlichen Pelayo-Kreuz oder gar mit der „Schlacht von Covadonga“, so gibt es doch keine Anhaltspunkte dafür. Die Inschrift erzählt vielmehr von einer ganz anderen Geschichte: In der Weihinschrift wird an geheimnisumwobene Begebenheiten zur Zeit des Königreichs der Sueven angeknüpft.

 

Das Original der Weihinschrift gilt seit dem spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) als nicht auffindbar. Doch Ende der 1990er Jahre wurde im Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts Madrid ein spektakulärer Fund gemacht: Ein Foto der Originalinschrift der Iglesia de la Santa Cruz. Über die genauen Umstände und die Herkunft dieses Fotos ist wenig bekannt. Es wurde 1999 veröffentlicht und bestätigt die originalgetreue Wiedergabe des Textes der Weihinschrift durch Roberto Frassinelli, der im 19. Jahrhundert eine Zeichnung davon angefertigt hatte.

 

Hier ein Auszug aus dem Text der Weihinschrift in deutschsprachiger Übersetzung, basierend auf der Zeichnung Roberto Frassinellis:

 

Wiedererrichtet auf göttliches Gebot hin erhebt sich dieses heilige Monument von neuem. Fafeila hat es zusammen mit der Gemahlin Froiliuba errichtet. Hier, am selben Ort, an dem der Vate Asterio 300 Jahre zuvor Altäre dem Christus geweiht hat. Heute leben wir im bereits fortgeschrittenen sechsten Weltzeitalter, im Jahr 775.

 

Das Jahr 775 entspricht dem Jahr 737 unserer Zeitrechnung. In der Weihinschrift erfahren wir, dass die Iglesia de la Santa Cruz an jenem Ort wieder erbaut wurde, an dem bereits 300 Jahre zuvor eine Kirche errichtet worden war. Wir erfahren von dem vorherigen sakralen Bau, der im Jahre 437 an diesem Ort durch einen „Vate Asterio“ geweiht wurde. Die Weihung muss nicht etwa durch einen katholischen Bischof erfolgt sein, wie dies in der späteren Geschichtsschreibung und zum Teil bis heute behauptet wird, sondern von einem „Vate“ Asterio. Der Historiker José Manuel Gómez Tabanera bezeichnet den Vate Asterio als eine Art Druiden, Weisheitslehrer oder Heiler, für den Christus und das Symbol des Kreuzes eine zentrale Bedeutung hatten. Der Historiker Antonio Aguilera ist der Ansicht, dass Asterio ein Druide in keltisch-britonischer Tradition gewesen sein könnte. Damit bezieht er sich auf die Britonen, die ab dem 5. Jahrhundert im Königreich der Sueven Zuflucht fanden.

 

Wenn mit der Bezeichnung „Vate“ ein christlicher Bischof gemeint war, dann handelte es sich aufgrund der damaligen politisch-religiösen Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen priscillianistischen Geistlichen.

 

Die lateinische Inschrift des Gründungssteins der Iglesia de la Santa Cruz in Cangas de Onís wurde über Jahrhunderte auf unterschiedliche Weise übersetzt und interpretiert. Dies gilt insbesondere für die dort genannte Zahl 300. Nicht alle Historiker beziehen die Zahl auf einen vorherigen Kirchenbau. In einer gebräuchlichen (aber nicht belegbaren) Lesart soll sich die Zahlenangabe 300 auf den 300. Tag des Jahres 737 beziehen. Daher wird der 27. Oktober 737 auch heute noch oft als Einweihungsdatum der Iglesia de la Santa Cruz genannt. 

 

F. Fernández Conde weist nach der Auflistung unterschiedlicher Interpretationen der Zahlenangabe 300 in der Weihinschrift der Iglesia de la Santa Cruz darauf hin, dass trotz aller Erklärungsversuche kein Historiker bisher die Frage gestellt habe, was eigentlich der Sinn des Hinweises auf die Wiedererrichtung eines vorherigen Kirchenbaus sein könnte. Mit anderen Worten: Welche Ereignisse könnten mit einem vorherigen Kirchenbau im Zusammenhang stehen, die noch nach 300 Jahren bedeutsam waren? Wir wollen nun genau dieser Frage nachspüren und den Versuch unternehmen, eine Antwort darauf zu finden. Was könnte sich im Jahre 437 in Cangas de Onís ereignet haben?

 

Cangas de Onís im Jahre 437

Gallaecia Sueva - Puente Romano in Cangas de Onís "Puente Romano", Cangas de Onís

Versetzen wir uns in die Zeit um das Jahr 437. Wie war die politische und kirchliche Situation in jener Zeit rund um die Sierra del Sueve und Cangas de Onís? Was wissen wir darüber?

 

Im Jahre 437 bestand das Königreich der Sueven 26 Jahre. Die nordöstliche Grenze der ehemaligen römischen Provinz Gallaecia mit der Sierra del Sueve und Cangas de Onís gehörte dem Herrschaftsbereich der Sueven an.

 

Auf Seiten des suevischen Königshauses stellte sich die Situation um 437 so dar: Der legendäre erste König des Suevenreichs, Hermerich, war erkrankt. Sein Sohn Rechila wurde zunehmend in die Regierungsführung einbezogen. Die Sueven schlossen im Jahr 437 insbesondere in den Grenzregionen Abkommen mit lokalen Anführern, auch um den Rücken frei zu haben für eine Expansion außerhalb des ursprünglichen Königreichs. Teil der Friedensabkommen waren Vereinbarungen über Vermählungen.

 

Rechila praktizierte die nordisch-germanischen Kulte der Sueven, doch gleichzeitig setzte er sich für die priscillianistischen Christen ein. Über seine Gemahlin ist nichts überliefert, doch ist es wahrscheinlich, dass er mit einer einheimischen Christin verheiratet war, die dem priscillianistisch-christlichen Glauben angehörte. Dafür spricht auch die christliche Erziehung des gemeinsamen Sohnes Rechiar, der schon vor der Ernennung zum König der Sueven (448) Christ war.

 

Zeitlich gesehen könnten sowohl König Hermerich als auch Rechila und Rechiar im Jahre 437 in Cangas de Onís gewesen sein und dort an der Weihung der ersten suevisch-christlichen Kirche in dieser so wichtigen Grenzregion ihres Königreichs teilgenommen haben. Es gibt auch noch einen weiteren plausiblen Grund für die Anwesenheit Rechilas in Cangas de Onís, denn die Gemahlin des zweiten Suevenkönigs Rechila könnte aus der christlichen Gemeinschaft in Cangas de Onís stammen. Rechilas enge Beziehungen zu priscillianischen Christen sind bekannt. Seine Frau war wahrscheinlich eine einheimische Christin. Im Grenzort Cangas de Onís gab es zu dieser Zeit eine der wenigen christlichen Gemeinschaften im Suevenreich und in den Abkommen der Sueven in den Grenzregionen war die Vereinbarung einer Vermählung nichts Ungewöhnliches.

 

Fest steht: Pelayos Sohn Fafila (Fafeila) und seiner Frau Froiliuba war die Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 437 so wichtig, dass sie genau an diesem Ort im Jahre 737 erneut eine Kirche errichten ließen. Es müssen historische Begebenheiten gewesen sein, Ereignisse, die den Angehörigen des Königshauses zur Zeit des Pelayo auch 300 Jahre später noch bekannt waren und die für Pelayos Familie eine hohe Bedeutung hatten. 

 

Wer sich auf die Spur der Verbindung zwischen Pelayo, Priscillian und dem Königshaus der Sueven begeben möchte und sich für die historischen Zusammenhänge interessiert, für den mag der folgende Buchtipp von Interesse sein: 

Buchtipp:

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg: Der Ruf des Sueve

Buchtipps:

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